Flyer X-Serie MTB Deluxe – Der Traum vom Fliegen…

…doch wer fliegen will, muss erstmal laufen lernen. Auch die Geschichte des Flyer verlief nicht ganz ohne Schwierigkeiten. Bereits 1993 entstand das elektrifizierte Fahrrad “Roter Büffel” der Firma BKTech. 1995 folgte das Flyer Classic und später auch das New Flyer. Die Bikes sorgten zwar für Aufsehen, konnten aber leider nicht die erforderlichen Stückzahlen erreichen, was letztendlich zum Ende der Firma BKTech führte. Durch die 2001 gegründete Biketec AG konnte das Flyer gerettet werden. Die Entwicklung des Flyer wird seitdem permanent vorangetrieben und im Jahre 2010 erblickte die X-Serie, ein vollgefedertes MTB mit E-Unterstützung, das Licht der Welt. Wir haben uns das Pedelec Flyer X-Serie MTB Deluxe 26″ zur Brust genommen.

Das Gewicht (ohne Pedalen) beträgt für das “nackte” Flyer in der Größe S knapp über 23 Kilogramm. Inbegriffen sind das montierte ABUS Hinterradschloss und der Seitenständer. Beide Teile haben wir noch vor der ersten Testfahrt demontiert. Auch wenn diese beiden Komponenten sicherlich Vorteile mit sich bringen, wollen wir als Mountainbiker so etwas eigentlich nicht am Bike sehen. Das hat nicht nur optische Gründe. Das Schloss ist sehr schwer und drückt unnötig auf die Waage und der Seitenständer kann in machen Fahrsituationen störend sein. Das kurze Schutzblech haben wir zum Schutz des Akkus allerdings am Rad belassen – auch wenn es uns nicht wirklich gefällt.

Von Werk aus rollt das Bike auf Schwalbe Marathon Reifen. Eine Reifenwahl, die wir für den Einsatz des Mountainbikes im Gelände auch nicht ganz nachvollziehen können. Wir haben mit dem Maxxis Ardent in der Größe 26×2.25 einen guten Allrounder montiert. Der Rahmen ist für MTB Reifen ausreichend dimensioniert.Tourenfahrer werden die ergonomischen Lenkergriffe begrüßen, die ein langes Touren ohne einschlafende Hände ermöglichen. An der Front versieht eine Rock Shox Recon Gold ihren Dienst. Für die Verzögerung verbauen die Schweizer am Flyer die XT-Bremsen des japanischen Herstellers Shimano. Auch bei der Schaltung vertrauen die Schweizer der XT-Gruppe. Die zehn Gänge lassen sich knackig und präzise schalten.

Der Viergelenker bietet 100 mm Federweg und wird bei seiner Arbeit von einem Rock Shox Ario Dämpfer unterstützt. Die Gabel als auch der Dämpfer lassen sich hervorragend und einfach an den Fahrer bzw. die Gegebenheiten anpassen, eine Dämpferpumpe ist hier natürlich Voraussetzung. Hier gilt das Optimum zwischen einem sensibel ansprechenden Fahrwerk und einem Schutz vor dem Durchschlagen des Dämpfers zu ermitteln. Der Dämpfer als auch die Federgabel lassen sich blockieren, die Gabel sogar bequem vom Lenker aus. Wir haben im Laufe des Tests, wegen einer besseren Lenkkontrolle, den original verbauten Lenker gegen einen etwas breiteren Lenker ausgetauscht.

Das theoretische Achsgewicht verteilt sich netto, das heißt ohne Fahrer, etwa zu 56% auf das Hinterrad und zu 44% auf das Vorderrad. Der 36 Volt Akku mit einer Leistung von den üblichen 250 Watt sitzt zwischen dem Sattelrohr und dem Hinterrad. Die Positionierung des Akkus hat zur Folge, dass das Bike eine sehr langen Kettenstrebe, bei einem vergleichsweise steilen Lenkwinkel, aufweist. Die Sitzposition auf dem Flyer ermöglicht sportliches Fahren als auch langes Touren. Besonders auf langen Touren ist man für den bequemen Sattel sehr dankbar. Die mitgelieferten Pedale bieten einen guten Halt und sind auch als Klickpedale einsetzbar. Lobenswert ist die Verwendung einer Sattelklemme mit Schnellspanner.

Die Konsole ist leicht bedienbar und zeigt zuverlässig den Ladestand des Akkus an – Ausreißer konnten wir nicht feststellen. Neben den allgemeinen Tachofunktionen, wie beispielsweise die Anzeige der Tageskilometer und Gesamtkilometer, wird auf dem gut ablesbaren Display auch der aktuelle Energieverbrauch angezeigt. Was uns fehlt ist eine schnöde Uhr und die Anzeige der Kurbelumdrehungen. Die verschiedenen Unterstützungsstufen lassen sich unkompliziert mit den Up- und Down-Tasten aktivieren. Die Hand vom Lenkergriff zu nehmen ist hierfür nicht erforderlich. So muss es sein!

Das Flyer bietet drei Unterstützungsstufen: Eco mit 50%, Standard mit 120% und High mit 200%. Von Werk aus ist eine Schiebehilfe montiert. Leider bietet das Flyer keine Rekuperation, also das Aufladen des Akkus während des Fahrens, an. Die überflüssige Energie verpufft somit leider an der Bremse. Der Akku des Bikes ist nach knapp über drei Stunden komplett aufgeladen, was schon recht zügig ist. Nicht ganz überzeugend finden wir die Ausmaße der Ladestation. Der riesige Kasten ist für den mobilen Einsatz nicht unbedingt empfehlenswert. Schön wäre ein smartes Ladeteil wie beispielsweise beim Laptop.

Der Hinterbau arbeitet sehr sauber und sensibel, obwohl die optimale Einstellung des Dämpfers bei verschiedenen Gegebenheiten eine Gratwanderung ist. Um ein Durchschlagen des Dämpfers zu verhindern, wird man meistens etwas straffer unterwegs sein. Dennoch vermag der Hinterbau zu überzeugen und ruppige Wege werden weitgehendst glattgebügelt. Das Bike lässt sich gut handeln, wobei die Front etwas direkter zur Sache geht als der Hinterbau. Das Flyer agiert als Gesamtpaket, durch die lange Kettenstrebe und das Gewicht, etwas träger als ein herkömmliches MTB. Das leichte Surren des E-Motors ist zwar wahrnehmbar, aber keinesfalls aufdringlich. Selbst bei hohem Tempo vermittelt das Flyer ein sicheres und sattes Fahrgefühl.

Der Mittelmotor schiebt das Bike kräftig nach vorne, was besonders bei höherem Tempo auffällt. Schon der leichte Druck auf die Pedale im Stand weckt den Motor aus dem Schlaf – er will arbeiten! Die Beschleunigung am Start könnte unseres Erachtens, besonders mit der höchsten Unterstützungsstufe, allerdings etwas aggressiver sein. Sobald das Flyer Fahrt aufgenommen hat, gibt es kein Erbarmen mit den anderen Verkehrsteilnehmern. Bis in den 30er km/h Bereich schiebt der Panasonic Motor das Bike, als auch den Fahrer, vehement nach vorne. In der höchsten Unterstützung mit 200% und ein wenig Krafteinsatz sind auch Geschwindigkeiten um die 38 km/h möglich – und das ohne Probleme. Das reicht aus, um bei uns in der Stadt, im morgendlichen Berufsverkehr, gut mit den Autos Schritt halten zu können.

Der Schub bleibt über den gesamten Bereich gutmütig und stellt selbst unerfahrene Pedelecfahrer nicht vor Schwierigkeiten. Auch bei rasanten Fahrten können das Fahrwerk und die gut dosierbaren Bremsen überzeugen. Nicht nur in Kurven und bei hohem Tempo macht das Flyer eine sehr gute Figur, auch kleinere Kanten und Sprünge sind ohne Probleme möglich: Das Bike bleibt in der Luft ausgeglichen, wenngleich auch etwas träge. Sehr positiv wirkt sich der Mittelmotor, verglichen mit einem Hinterradnabenmotor, hier auf das Fahrwerk aus. Absolut überzeugend zeigt sich das Flyer auf schmalen Trails mit engen Kehren steil bergan. Unglaublich, wie sich das Bike auf und in den Trail fest beißt – der gutmütige Vortrieb sorgt mit dem Fahrwerk für erstklassige Klettereigenschaften.

Die Reichweite des Akkus reicht im Modus Standard, im Flachland ohne nennenswerte Steigungen, für knapp 50 Kilometer. Dazu kommt noch die Reserve von etwa 10% – was mit einem Blinken des letzten Balkens angezeigt wird. Mit der Unterstützungsstufe Eco sind über 70 Kilometer im Flachland möglich, ehe das System die Reserve anzeigt. Bei Fahrten mit Steigungen bzw. mit der höchsten Unterstützungsstufe minimieren sich natürlich die möglichen Kilometer. Dann heißt es entweder per Muskelkraft weiterfahren oder den Akku laden. Leider ist das Laden des Akkus nicht am Bike möglich. Schön gelöst ist dagegen der gemeinsame Schlüssel zur Akkuentnahme und dem verbauten Hinterradschloss, welches wir, wie bereits erwähnt, demontiert haben.

Die Verarbeitung des Bikes gibt keinen Grund zur Kritik. Die Bremsleitung für die Hinterradbremse, der Schaltzug als auch die Leitungen für die Elektronik laufen komplett durch das Unterrohr – eine sehr saubere und aufgeräumte Lösung. Die durch den Kettenschutz versteckte Kettenspannung funktioniert ohne Probleme. Wir hatten während des Fahrens keinen Kettenabwurf, auch nicht im ruppigen Gelände. Sollte beim Tragen des Bikes ohne verbautes Hinterrad – durch die fehlende Kettenspannung – dennoch die Kette neben das Kettenblatt fallen, lässt sich der Kettenschutz mit einer Schraube lösen. Anders kommt man in diesem Bereich nicht an die Kette. Das Gleiche gilt auch für die Reinigung der Kettenspannung.

Mit leichten Modifikationen ist das Flyer X-Serie MTB Deluxe im Bereich XC und AM ein absolute Spaßgranate! Durch die gleichmäßige Kraftentfaltung ist das Flyer auch für ungeübte Pedelecfahrer oder Anfänger sehr gut geeignet. Die mögliche Höchstgeschwindigkeit sollte aber – eigentlich selbstredend – dem persönlichen Können und den Gegebenheiten angepasst werden. Die verbauten Komponenten wurden, der Klasse des Bikes entsprechend, sinnvoll ausgewählt. Für den Kaufpreis von knapp 4400 Euro, der sicherlich zur Zeit gerechtfertigt ist, erhält man aber auch schon einen gebrauchten Kleinwagen.

Erhältliche Farbe: Silber (Alu gebürstet), schwarz und perlweiß
Erhältliche Größen: S (46,5 cm) ,M (50 cm) und L (55 cm)
Preis: 4390 Euro

Andreas Waldera

Andreas Waldera

Das Urgestein der Fraktur! Bereits im Jahre 1996 stößt Andreas als Team-Fahrer und Texter zur Fraktur, damals ein Fanzine ausschließlich für Downhill Biker. Nach vier Jahren ruft er das MTB/Lifestyle Onlinemagazin "Fraktur - Das Magazin" ins Leben – bis heute eine Herausforderung, die dem begeisterten Fahrradfahrer geradezu auf den Leib geschrieben ist.

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