Luganer See – Paradies zwischen dem Lago Maggiore und Comer See

Oberitalienische Seen – wer denkt da nicht an den Lago Maggiore oder das Bikerparadies schlechthin, dem Gardasee, das begehrte Ziel vieler Alpencrosser. Viele werden jetzt die Hand heben und zu Recht auf den Comer See und den Luganer See verweisen. Es gibt tatsächlich eine kaum überschaubare Anzahl von Seen in Oberitalien, jeder See ist für sich einen Besuch wert und erzählt dem Besucher seine Geschichten. Doch wie so oft im Leben muss man sich entscheiden und so viel die Wahl, zumindest für dieses Mal, auf den Luganer See, dem Lago di Lugano.

Der Vorteil der oberitalienischen Seen liegt klar auf der Hand – sie sind gut von Deutschland aus zu erreichen, oft sogar mit der Bahn. Der Luganer See war Neuland und die gute Verbindung vom Ruhrpott bis nach Lugano machte dieses Reiseziel besonders interessant. So ging die Reise diesmal also ins Tessin, genauer gesagt mit der Bahn nach Lugano und von dort aus mit dem Bike auf die italienische Seite des Lago di Lugano. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Lugano eine der größten Bankenmetropole in der Schweiz ist, dementsprechend hoch sind dort auch die Zimmerpreise angesiedelt. Natürlich lockt in Lugano das Nachtleben mit diversen Pubs und Cafes. Um nach Italien zu gelangen muss man sie passieren! Bei uns am Niederrhein schon lange nicht mehr gesehen und mittlerweile total ungewohnt: Grenzbeamte! Okay, es ist schon komisch, wenn man am späten Abend auf dem Bike sitzend und bepackt wie ein Esel über die Grenze rollt. Nach anfänglichem Zögern der Beamten wurde man dann aber doch durchgewunken ohne kontrolliert zu werden. Ein großer Teil des Luganer Sees lässt sich auf der Uferstraße umfahren, wer denn mal eine komplette Umrundung in unmittelbarer Nähe des Sees plant, der dürfte enttäuscht sein – komplett geht es nicht! Wer sich in diese Region wagt, dem sollte eines klar sein – hier gibt es Berge!

Dementsprechend sind die Straßen. Die direkt am See befindlichen Straßen sind aufgrund der Landschaft zum Teil recht eng, einen Radfahrweg gibt es nicht. Das heißt also, dass man sich die Straße mit Autos, LKW’s und Bussen teilen muss – nicht immer ein prickelndes und besonders sicheres Vergnügen. Wenn man erstmal an seinem Urlaubsort ist, sieht die Sache meist schon anders aus – bei guter Lage der Pension oder des Hotels kann direkt in die umliegende Berglandschaft aufgebrochen werden. Für Mountainbiker unerlässlich ist eine gute Wanderkarte. Diese Region scheint auf den ersten Blick fest in der Hand von Rennradfahrern zu sein, die ohne Erbarmen die kleinen asphaltierten Serpentinenstraßen in die Berge hochpeitschen. Für uns kommt natürlich nur das Fahren abseits der Straßen in Frage, Wanderwege gibt es mehr als genug. Das Wanderwegenetz ist wirklich gut ausgebaut, aber nicht alles, was auf der Wanderkarte wirklich gut aussieht, gestaltet sich in der Praxis auch besonders gut. Vermeintlich kleine Trails sind Waldautobahnen, andere großwirkende Wanderwege sind so verblockt, dass man mehr trägt als schiebt – besonders bergauf. Ein bisschen Experimentierfreude sollte also vorhanden sein 😉

Besserwisserisch, wie wir nun mal sind, haben wir den Reisetermin für Anfang März angesetzt. In Deutschland war es zu dieser Zeit schweinekalt, wer erinnert sich nicht daran?! Die Temperaturen waren am Luganer See etwa 5 bis 6 Grad höher als in Deutschland, nach dem vorangegangenen Winter schon eine richtige Wohltat. Als in Deutschland Schnee fiel, konnte man in den Bergen oberhalb des Luganer Sees sonnenbaden, wenn natürlich auch nur bedingt. Tatsächlich war es so, dass in windgeschützten Bereichen das Gesicht die wärmenden Sonnenstrahlen geradezu aufsog – ohne Jacke ging es aber auch hier nicht – noch nicht. Natürlich liegt zu dieser Jahreszeit auch hier ab einer gewissen Höhe Schnee, immerhin befindet man sich in den Alpen und nicht auf einer Kanarischen Insel. Ab einer Höhe von etwa 600 Metern tauchten die ersten Schneefetzen auf dem Boden auf, welche mit jedem weiteren Meter in die Höhe anwuchsen. Das Biken war also nur in den unteren Bereichen der Berge möglich. Angesichts der unerschöpflich wirkenden Bergwelt nur ein kleines Manko. Ein Wermutstropfen ist natürlich, dass Spots wie zum Beispiel der Bikepark und Downhill am Monte Tamaro (Rivera), nördlich von Lugano, zu dieser Jahreszeit aufgrund der Witterung und der Höhenlage kein Ziel darstellen. Wer aber dem grauen Alltag in Deutschland entfliehen will, der ist am Lago di Lugano richtig!

Es erwartet einen eine unglaubliche Landschaft. Das Reisegepäck sollte man umfangreich auswählen, wichtig ist warme atmungsaktive Bekleidung. Trotz der Sonne, die schon mächtig Kraft hat, kann hier ein richtig eiskalter Wind pfeifen. Auch hier ist noch Winter, allerdings mit den Palmen am Ufer ein wenig anders als bei uns 😉 Schön ist, dass man selbst zu dieser Jahreszeit keine Probleme bei der Suche nach einer Unterkunft hat – man hat sich dem Tourismus gewidmet. Das Ziel dieser Reise und Ausgangspunkt für die Tagestouren war das kleine und bezaubernde Örtchen Brusimpiano – wie gesagt auf der italienischen Seite. Selbst wenn der Lago Maggiore oder der Gardasee bei uns bekannter sind als der Lago di Lugano, an Touristen fehlt es hier nicht. So ist alles auf den Tourismus ausgelegt und man findet selbst in kleinen Örtchen wie Brusimpiano schöne und bezahlbare Unterkünfte und Restaurants – so wie dieses kleine Steakhaus an der Hauptstraße. Die Italiener sind ein stolzes Volk, stolz auf ihr Land und auf ihre Sprache. Mit Englisch, Französisch oder Deutsch kommt man meist nur bedingt weiter. Eigentlich verständlich, man ist Gast in diesem Land und hat sich dementsprechend zu verhalten – es ist natürlich immer schön, wenn man dann doch verstanden wird 😉 In den Restaurants oder im Hotel gab es allerdings nie Verständigungsprobleme.

Doch wollen wir nicht abschweifen! Es geht hier natürlich ums Biken, und das kann man mehr als genug. Die Seen Lago Maggiore und der Comer See liegen in unmittelbarer Nähe des Luganer Sees und bilden somit ideale Ziele für eine Tagestour. Neben dem bereits genannten Bikepark und Downhill am Monte Tamaro nördlich von Lugano findet sich südlich des Luganer Sees der Bikepark Darkglow. Dieser kleine und unbekannte Spot war allerdings noch geschlossen, obwohl dieser von der Höhenlage kaum über dem See liegt. Ein Befahren wäre theoretisch also möglich gewesen. Wer also mal am See ist, sollte den Spot, der zwischen den Orten Bisuschio und Besano liegt, einen Besuch abstatten. Neben einer Dirtline und einer Line mit kleinen Jumps findet sich dort eine Dualslalompiste und diverse Obstacles. Angrenzend an den Lago di Lugano sind hohe Berge wie beispielsweise der Monte Bre im Osten mit einer Höhe von 925 m oder dem Monte San Giorgio mit einer Höhe von 1097 Meter, der sich zwischen den beiden südlichen Zipfeln des Sees befindet. Der See selber liegt bei einer Höhe von etwa 271 Metern.

Bei einer Fahrt um den Luganer See kann sehr schnell (auch unbeabsichtigt) die Landesgrenze überschritten werden. Man sollte sich also immer ausweisen können! Sprachlich bleibt es allerdings gleich, da es sich hier um die itlienischsprachige Schweiz handelt. Die optimale Reisezeit ist – nicht der März!!! Auch wenn der See schon viel zu bieten hat, empfiehlt sich definitiv eine spätere Anreise – zumindest, wenn man mit dem Bike unterwegs ist. Die Touren mit dem Bike können dann zu den Gipfeln führen und der Bikepark bzw. die Bikeparks laden zum Abrocken ein. Abends kann man den Sonnenuntergang am See auf einer Bank an der Promenade oder im Cafe sitzend genießen, ohne zu zittern und zu frieren. Sobald im März die Sonne dem Tag den Rücken kehrt, kann es trotz des vergleichsweise milden Klimas mächtig kalt werden. Von seinem meditarnen Flair büßt der Lago di Lugano dennoch nichts ein. Nicht umsonst gilt der Strand bei Lugano als die Riviera des Tessins.

Andreas Waldera

Andreas Waldera

Das Urgestein der Fraktur! Bereits im Jahre 1996 stößt Andreas als Team-Fahrer und Texter zur Fraktur, damals ein Fanzine ausschließlich für Downhill Biker. Nach vier Jahren ruft er das MTB/Lifestyle Onlinemagazin "Fraktur - Das Magazin" ins Leben – bis heute eine Herausforderung, die dem begeisterten Fahrradfahrer geradezu auf den Leib geschrieben ist.

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