32 Zoll im Weltcup: Läutet Van Rysel mit dem RCR-XC das Ende von 29 Zoll ein?

Die Gerüchteküche brodelte schon länger, jetzt ist es offiziell: Mit dem RCR-XC präsentiert die Performance-Marke Van Rysel ihr erstes Cross-Country-Fully – und setzt direkt auf das hitzig diskutierte Format von 32-Zoll-Laufrädern. Während Decathlon damit ein echtes Ausrufezeichen im Profi-Zirkus setzt, stellt sich für den Fachhandel und Mountainbiker die entscheidende Frage: Läuten die Franzosen hier gerade das Ende von 29 Zoll ein oder sehen wir einen hochspezialisierten Technologieträger für den Weltcup?

Man muss es der Entwicklungsabteilung in Lille lassen: Der Einstieg von Van Rysel in den Mountainbike-Sektor ist marketingtechnisch ein absoluter Schachzug. Nach den Erfolgen im Straßen-World-Tour-Bereich übernimmt die Marke nun das Ruder im XC-Weltcup beim Team Decathlon Ford. Anstatt jedoch ein konventionelles 29er-XC-Bike vorzustellen, springt man direkt auf das Thema 32-Zoll. Das bringt Van Rysel sofort in die weltweiten Schlagzeilen und wäscht das Image der Einsteigermarke endgültig rein. Dass Decathlon Daten seit den Olympischen Spielen 2024 ausgewertet hat und in Sachen Aerodynamik und Kinematik enge Kooperationen nutzt, unterstreicht den enormen Entwicklungsaufwand hinter dem Projekt.

32 Zoll im Weltcup: Läutet Van Rysel das Ende von 29 Zoll ein?
Etablierter Trail-Standard: 29-Zoll-Fullies bieten für die breite Masse nach wie vor das beste Verhältnis aus Überrollverhalten, Agilität und Ergonomie

Was spricht für 32 Zoll auf der Rennstrecke?

Physikalisch bringt das deutlich größere Laufrad auf modernen XC-Kursen unbestreitbare Vorteile mit sich. Durch den spürbar flacheren Anstellwinkel schluckt ein 32-Zoll-Rad Steine, dicke Wurzelteppiche und harte Absätze deutlich geschmeidiger als ein klassisches 29-Zoll-Rad. Ist die rotierende Masse erst einmal auf Renntempo gebracht, hält das Rad den Schwung auf flachen sowie welligen Highspeed-Passagen extrem effizient. Darüber hinaus sorgt die größere Auflagefläche des Reifens für spürbar höhere Traktionsreserven in schnellen Kurven und steilen Uphill-Passagen.

Blick auf die Praxis: Warum 29 Zoll im Breitensport das Maß der Dinge bleibt

Bei aller Faszination für das Weltcup-Konzept lohnt sich der physikalische und ergonomische Realitätscheck für den normalen Biker. Ein 32-Zoll-Laufrad verlangt nach enorm viel Bauraum im Rahmen. Um das Cockpit durch die lange Gabel und den riesigen Raddurchmesser nicht extrem hoch bauen zu müssen, greift Van Rysel zu extremen Mitteln: Das integrierte Monocoque-Cockpit fällt mit einem extrem steilen Negative-Rise drastisch nach unten ab, um die Hände auf eine renntaugliche Griffhöhe zu bringen. Diese gewöhnungsbedürftige Konstruktion erinnert stark an die radikalen Lösungsansätze aus den Anfangstagen der 29er.

Für Fahrerinnen und Fahrer unter etwa 1,80 Metern Körpergröße wird es trotz solcher Kniffe extrem schwer, eine sportlich-effiziente Sitzposition ohne massive Toe-Overlap-Probleme zu realisieren, bei denen der Fuß beim Lenken am Vorderrad anstößt. Zudem fordert die höhere rotierende Masse ihren Tribut im Handling. In sehr engen, verwinkelten Kehren oder bei explosiven Antritten aus Schrittgeschwindigkeit heraus erfordert das große Rad spürbar mehr Körpereinsatz. Hinzu kommt das derzeit noch fehlende Ökosystem am Markt: Passende Reifen herkömmlicher Marken, abgestimmte Federgabeln und Serienfelgen existieren aktuell fast ausschließlich als Spezialanfertigungen oder Prototypen für Werksteams.

Fazit: Spektakulärer Technologieträger statt Breitensport-Standard

Van Rysel gebührt Respekt für den Mut, das Thema 32 Zoll auf Weltcup-Niveau umzusetzen und die Grenzen des Machbaren auszuloten. Das RCR-XC ist eine faszinierende Rennmaschine, die auf schnellen Kursen unter hochgewachsenen Profis ihre Trümpfe ausspielen wird. Für den Breitenmarkt, den Fachhandel und den Großteil aller Mountainbiker bleibt die Entwarnung jedoch bestehen: 29 Zoll ist nicht über Nacht veraltet. Die physikalischen Gegebenheiten bei Körpergröße, Beschleunigung und Handling machen 29 Zoll nach wie vor zum besten Allround-Kompromiss für die Masse.